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Mittwoch, 20. Dezember 2017

TV-Ansprachen zum Jahreswechsel: Lust am Aufbruch statt staatstragender Predigt

Verband der Redenschreiber deutscher Sprache

Pressemitteilung, 20. Dezember 2017
Jacquelin Schäfer (Mitte) und Antje Hermau
(Vizepräsidentin) bei den Debattiermeisterschaften
in Dresden im Juni 2017/ Foto: Rode

Alle Jahre wieder: Zu Weihnachten und Neujahr flimmern die Ansprachen von Bundespräsident und Bundeskanzlerin über die Bildschirme. Zum ersten Mal mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und zum 13. Mal mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, erstmals jedoch als geschäftsführende Regierungschefin. Beides dürfte neugierig machen und für Quote sorgen. Doch sind diese Ansprachen noch zeitgemäß?

„Ja, denn auch eine Demokratie braucht Rituale“, so Jacqueline Schäfer, Präsidentin des Verbandes der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS), in einem Interview. „Oft aber muten die Ansprachen wie eine Trauerrede oder eine Predigt an. Etwas mehr Aufbruchstimmung beim Ausblick täte gut, Freude, Visionen, die sich auch in Tonlage und Mimik ausdrücken. Mehr Motivation, weniger Moralisieren.“

Das Interview in voller Länge:


Fernsehansprachen von Staatsoberhäuptern vor Schneelandschaft, Weihnachtsbaum und Deutschlandfahne – brauchen wir das noch?

Jacqueline Schäfer: Ich finde: Ja. Denn auch eine Republik braucht Rituale. Und am Jahresende nehmen sich die Bürgerinnen und Bürger gerne Zeit zu reflektieren. Sie stellen Fragen und suchen Antworten - auch von den Regierenden.

Angesichts von Twitter und Co. stellt sich aber die Frage, ob die TV-Ansprache das richtige Instrument dafür ist?

Jacqueline Schäfer
: Wir sollten die unterschiedlichen Kommunikationskanäle nicht gegeneinander ausspielen, sondern jeden richtig nutzen. In den sozialen Medien sind Schnelligkeit und Kürze gefragt, die TV-Ansprachen hingegen bieten die Möglichkeit, zu mehr Tiefe. Diesen Raum braucht es, weil unsere Welt komplexer geworden ist. Nicht alle Themen lassen sich in wenigen Zeichen oder in 30-Sekündern abhandeln. Zudem sprechen Staatsoberhaupt und Regierungschefin direkt zur Bevölkerung - die Kamera erzeugt fast so etwas wie Blickkontakt. Allein dies verändert die Art der Ansprache.

Viele schauen aus Gewohnheit zu, das Gesagte ist schnell vergessen. Wie kann man das ändern?

Jacqueline Schäfer: Wenn man Reden deutscher Staatsoberhäupter mit denen aus Frankreich, Großbritannien oder den USA vergleicht, fällt auf: In Deutschland dominiert der staatstragenden Ton. Das ist erstmal nicht verkehrt, aber oft muten die Ansprachen wie eine Trauerrede oder eine Predigt an. Etwas mehr Aufbruchstimmung beim Ausblick täte gut, Freude, Visionen, die sich auch in Tonlage und Mimik ausdrücken. Die Redner sollten erklären und ermuntern und nicht erziehen. Deshalb mein Tipp: Mehr Motivation, weniger Moralisieren! Und scheut euch nicht, Gefühle zu zeigen, sondern nehmt uns mit in eure Gedanken- und Gefühlswelt.

Warum ist Ihnen das so wichtig?

Jacqueline Schäfer
: Weil Menschen von Menschen geführt werden wollen. Sie wollen spüren, ob sie das, was in den Wahlprogrammen steht, in den Gesichtern, in der Stimme wiederfinden. Vertrauen entsteht durch direkte Ansprache. Gerade jetzt, da vieles kompliziert geworden ist und vermeintliche Gewissheiten verloren gehen. Nur wer zeigt, was ihn treibt und wohin er oder sie will, kann andere motivieren, diesem Weg zu folgen. Kurzum: Es geht um mehr Mut. Zeigt euch!

Über den VRdS:

Der Verband der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS) vertritt Redenschreiber aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Er fördert die Redekultur im deutschsprachigen Raum. Potentielle Auftraggeber finden auf seiner Website eine frei zugängliche Redenschreiber-Datenbank. Weitere Informationen: www.vrds.de

Verband der Redenschreiber deutscher Sprache
Auf der Steinkaule 7
53639 Königswinter
Anja Martin, Pressesprecherin
Telefon: 0163 63 88 900
presse@vrds.dewww.vrds.de

Sonntag, 30. Oktober 2016

Sonderausstellung: Sprache

 Begleitbuch
24. September 2016 bis 28. August 2017

Redehandwerk. Macht und Magie der Sprache

Kann Sprache neutral sein?               
Wie verstärken wir die Wirkung unserer – öffentlichen – Rede?
Welche Rolle spielt die Sprache bei gesellschaftlichen Ritualen?
Wie verändern die digitalen Medien die Möglichkeiten der Sprache und des Sprechens?
http://www.dhmd.de/?2801
Wann wird Sprache zur Waffe?

Unsere Fähigkeit zur Kommunikation ermöglicht uns, Erwartungen, Botschaften, Wünsche und Gefühle mitzuteilen und zu verstehen. Dabei nutzen wir die Sprache nicht nur zur Beschreibung der Welt. Wir setzen sie auch gezielt als Machtinstrument ein, um Einfluss zu nehmen und unser Umfeld aktiv zu verändern. Dies gilt im Großen wie im Kleinen, in der Politik wie auch im Privaten. In welchem Rahmen und mit welchen Worten wir miteinander kommunizieren, verrät viel über unsere Werte, unsere Empfindungen, unsere Ansichten und Absichten. Unser Sprachhandeln in alltäglichen und besonderen, in individuellen und öffentlichen Redesituationen ist untrennbar mit unserem Körper und unserer Umwelt verbunden. Im Zusammenspiel von gelebten Praktiken und sprachlichen wie körperlichen Ausdrucksmöglichkeiten dient es als Bindeglied zwischen Einzelnem und Gesellschaft.

Die Kunst der Rede  
Das Sprechen vor und zu anderen Menschen gleicht oft einer Aufführung. Ob bei einer politischen Rede im Parlament, einem öffentlichen Protest, einer Trauerrede oder einem Poetry Slam, ausschlaggebend sind das

Donnerstag, 27. August 2015

Statements ersetzen keine Reden

Presseerklärung, Berlin, 27. August 2015

Bundespräsident Joachim Gauck hat in Berlin-Wilmersdorf eine Flüchtlingsunterkunft besucht, Bundeskanzlerin Angela Merkel war im sächsischen Heidenau, das wegen Fremdenfeindlichkeit traurige Schlagzeilen gemacht hat. „Im Anschluss daran fanden beide richtige und treffende Worte. Doch Statements alleine reichen nicht mehr aus: Deutschland und Europa stehen vor enormen Herausforderungen“, so VRdS-Präsident Dr. Vazrik Bazil. „Die Zeit ist reif für eine wegweisende Rede.“

„Zeiten wie diese, voller Brüche und Umbrüche, erfordern eine zukunftsweisende Ansprache, die Herz und Hirn unserer Bürgerinnen und Bürger erreicht. Anders als bei einer Regierungserklärung kommt es darauf an, vor allem Orientierung zu geben sowie Mut und Zuversicht zu vermitteln. Schwarz-Weiß-Rhetorik ist nicht geboten, eine nur Wohlklang verbreitende noch weniger“, so der VRdS-Präsident.

„Über Flüchtlinge, Griechenland, Weltwirtschaft usw. mögen Viele vieles richtig gesagt haben. Doch jetzt geht es darum, das Vereinzelte zum Ganzen zu weben: Wo stehen wir? Was wollen wir? Wohin gehen wir? Ohne die Unterstützung der Gesellschaft wird auch die Politik an ihre Grenzen stoßen. Frau Merkel sollte die Gelegenheit nutzen, ein klares Bild der Lage zu zeichnen, die Bürgerinnen und Bürger auf Veränderungen einzustimmen und für eine Allianz der Mitmenschlichkeit zu werben. Eine Rede stiftet Identifikation nach innen und strahlt zugleich in das Ausland, das von Deutschland verlangt, mehr Verantwortung in der Welt zu übernehmen“, so Dr. Bazil.

Der VRdS wurde 1998 gegründet. Er plädiert für lebendige und verständliche Reden, mit denen Informationen und Botschaften glaubwürdig vermittelt werden. Dem Verband gehören derzeit rund 460 Redenschreiber und Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz an. Sie liefern Redemanuskripte und Formulierungsvorschläge und beraten Redner in Politik und Wirtschaft sowie private Auftraggeber und ehrenamtliche Mandatsträger.

Weitere Informationen: Verband der Redenschreiber deutscher Sprache
www.vrds.de