| Anteile an der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt für die AFD: - männlich - 50% - weiblich - 39% |
Am 07.09.2026 wurde unter dem Titel "Erste Gedanken zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt eine Info der Landesvorsitzenden der Linken Sachsen ins Netz gestellt. Dort hiess es u.a.
"Auch SPD und Grüne konnten zulegen, die Grünen besonders deutlich – vermutlich infolge taktischen Wählens. Das zeigt, wie volatil die Wähler*innenschaft derzeit ist. Viele Menschen stimmen im Zweifel für den Erhalt der Demokratie. Es ist aber keineswegs ausgemacht, dass diese Stimmen bei uns landen."
Das klingt komisch. Aber ich vermute, was es bedeuten soll. Deshalb sei mir eine stilistische (oder prinzipielle?) Kritik erlaubt. "Volatil" klingt etwas extravagant und kann auch "beweglich, schwankend, flüchtig, kurzlebig, temporär, ungesichert oder veränderlich" heißen. Einfacher wäre wohl besser. Aber darum geht es mir jetzt nicht. Es ist halt Mode. Mich stört eher das monströse Wort "Wähler*innenschaft".
Nun braucht mich keiner darüber zu belehren, dass nach dem Grundgesetz ein geschlechtergerechter Sprachgebrauch angesagt ist. Und im DUDEN (28., S. 112 f.) werden dafür auch Vorschläge gemacht wie Studentinnen und Studenten, Student*innen oder Student/innen oder Student_innen, aber auch Studierende oder Gewählte.
Die Gebrüder Grimm merkten in ihrem Deutschen Wörterbuch (19. Jahrhundert) an, dass es die Wörter "Gästin" oder "Menschin" durchaus gibt, aber dass sie doch ungewöhnlich klingen und kaum gebräuchlich sind. Wenn ich "alle Gäste" und "alle Menschen" sage, meine ich auch "alle", nämlich weibliche, männliche oder diverse andere Formen der Geschlechtlichkeit, die zu Gast sind. Muss ich dann sagen "die ganze Gästinnenschar". Noch lustiger klingt das bei "Menschinnenrecht", obwohl es beim Menschenrecht nicht nur nebenbei um die Gleichstellung der Frauen in der Gesellschaft geht?
Als ich meine Frau, die Deutsch für Ausländer studierte und lehrte, danach fragte, wies sie mich strikt damit ab, dass Wörter mit dem Suffix "-schaft" oft geschlechterneutral sind. Wähler*innenschaft ist deshalb eine fehlerhafte und missglückte genderinklusive Form, weil die innere Struktur nicht stimmt.
Das bestätigt auch Copilot, mein KI-Freund (oder Freundin?) und führt Beispiele an wie Freundschaft, Landschaft, Belegschaft, Lehrerschaft oder Leserschaft. Anders ist es, wenn der Wortstamm geschlechtlich markiert ist wie Bruderschaft oder Männerschaft, Schwesternschaft oder Hebammenschaft. Übrigens: In der NS-Zeit war eine Frauenschaft die Frauenorganisation der NSDAP und damit kein harmloses Kaffeekränzchen. Deshalb steht das Wort wohl auch gleich gar nicht im DUDEN.
Oder nehmen wir als Beispiel die "Mannschaft" als Spielgemeinschaft. Wenn da auch Frauen drin sind, müssten die wohl Mannschaftlerin heißen, was doch auch wieder dämlich klingt, oder? Die Engländer haben es da einfacher, wenn sie "Team" sagen, egal wer da mitspielt.
Geschlechterprobleme sind im Sprachgebrauch eben oft schwierig zu erklären. Schon Mark Twain fragte, warum es die Frau, aber das Fräulein heißt. Letzteres wurde inzwischen. ganz abgeschafft, weil es diskrimierend und oft gar nicht stimmig ist. Manches ist auch gar nicht erklärbar und sollte einfach hingenommen werden: Warum ist die natürliche oder die künstliche Intelligenz weiblich, dafür aber der menschliche oder der heilige Geist männlich?
Zurück zur Wählerschaft: Sie meint die Gesamtheit aller Wähler. Aller! Sie ist geschlechtsneutral für alle Menschen, grammatisch gesehen, die wählen können oder gewählt haben. Das Gegenteil davon wäre Nichtwähler oder auch Nichtwählerinnen, wenn es sich auschließlich um Frauen handelt, die sich nicht an der Wahl beteiligen. "Wählerinnenschaft" ist wohl sprachlich korrekt bildbar, aber stilistisch nur bedingt "zweckmäßig". Es ist deshalb auch kein weit verbreiteter Terminus. Ich würde ihn nicht benutzen und eher "Wählerinnen und Wähler" sagen, vorausgesetzt, dass es auch auf Geschlechtertrennung verweisen soll.
Kurzum: Gendern ist wichtig. Aber es darf unseren Sprachgebrauch nicht unnötig verkomplizieren, widersprüchlich machen oder einfach nur albern klingen. Kriterien im Sprachgebrauch sollten Verständlichkeit, Klarheit und Korrektheit sein. Im gegenbeen Fall wird wieder einmal deutlich, wie wir uns mit Nebensächlichkeiten verzetteln können.

