Schulfach „Fake News“ erkennen

Unternehmen will Schülern zeigen, wie Medien arbeiten
Es ist der letzte Tag vor den sächsischen Winterferien, doch bevor die Zeugnisse verteilt werden, gilt es für die Schüler noch herauszufinden, ob das Video echt ist. Denn an der Schule ist Projekttag und Klassenlehrerin Michelle Helbig hat für ihre Schüler einen Kurs von „Spreuweizen“ gebucht.
Das gemeinnützige Unternehmen bietet seit 2020 Kurse und Workshops für Schüler ab der siebten Klasse an, die sich darum drehen, Nachrichtenkompetenz zu vermitteln. In Angeboten wie „Fakt oder Fake“ und „KI und Demokratie“ soll den Schülern vermittelt werden, wie Journalisten arbeiten, was sie von Influencern in den sozialen Medien unterscheidet, wie man Fake News von echten Nachrichten unterscheidet und woran manipulierte Videos zu erkennen sind. Zwei der Freiwilligen, die im Ehrenamt mit den Schülern arbeiten, sind Linda und Janine.
Schüler erkennen Fake News und manipulierte Videos
Am Gymnasium Pieschen ist für die Schüler schnell klar: Das Video von Merz ist zwar echt, die Aussage jedoch aus dem Zusammenhang gerissen. Merz spricht über eine Reform des Bürgergelds, nicht generell über Geringverdiener. Die Schüler finden die originale Parteitagsrede, die den gesamten Kontext zeigt. Ein anderes Video, welches ein Schiff zeigen soll, das eine braune Flüssigkeit ins Meer kippt, ist wiederum wirklich mit KI erstellt.
Eine Schülerin erklärt: „Das Video ist fake, das erkennt man, wenn man genau hinsieht. Die braune Flüssigkeit verhält sich physikalisch falsch, es würde anders aussehen, wenn da wirklich etwas ins Wasser gekippt würde.“
Janine und Linda sind von der Klasse begeistert. „Die Schüler sind sehr fit, haben schon einen guten Überblick über KI und einen stabilen Wertekompass, der ihnen auch hilft, nicht sofort auf Fake News anzuspringen.“ Die beiden Studentinnen schreiben gerade jeweils ihre Masterarbeit. Sie suchten während ihres Studiums nach einem Ehrenamt, wollten sich für die Demokratie engagieren. „Der Termin heute in Pieschen war sehr entspannt, aber manchmal stoßen wir bei einigen Schülern auf starke Ablehnung und krasse Vorurteile gegenüber Journalisten“, sagt Janine. Die 31-Jährige ist seit vier Jahren bei Spreuweizen dabei und hat schon viele Klassen besucht.
Tendenziell stoße man an Oberschulen und im ländlichen Raum auf stärkere Ablehnung, aber pauschel lasse sich das nicht sagen. „Unabhängig von Schulform und Region merkt man, dass einige Schüler mit ihren Eltern über Nachrichten und Politik sprechen und andere gar nicht“, ergänzt Linda.
Aber auch in Klassen, in denen Schüler mit einer Anti-Haltung den Ton angeben würden, gebe es andere Schüler, die sich über das Angebot freuten.
Spreuweizen wächst bundesweit
Gegründet wurde Spreuweizen von Tom Waurig. Er ist auch Chefredakteur des Veto Magazins, welches sich mit Aktivismus beschäftigt. Seit bald 15 Jahren arbeitet er auch im Bereich der politischen Bildung.
Die Idee für Spreuweizen kam ihm, nachdem eine Studie der TU Dresden zeigte, dass das Thema Nachrichtenkompetenz in der Schule kaum eine Rolle spielt und Lehrkräfte selbst oft nicht genügend Fachwissen zu dem Thema haben. „Für mich spielte auch eine Rolle, dass etwa Pegida mit dem Ausruf ‚Lügenpresse‘ ein starkes Misstrauen gegenüber Journalisten gesät hat.“
Aus der Idee in Dresden ist mittlerweile ein bundesweites Unterfangen geworden. 19 Angestellte hat Spreuweizen, darunter auch ehemalige Lehrer und Journalisten, welche die Inhalte erstellen und in mehrtägigen Fortbildungen die Freiwilligen ausbilden, die an die Schulen gehen. „Das sind oft Studierende, viele aus dem Bereich Lehramt oder Kommunikation, aber das ist keine Voraussetzung“, sagt Tom Waurig.
Finanziert wird Spreuweizen zum einen durch eine Gebühr von etwa 400 Euro, die die Schulen aus ihrem Budget für einen Workshop zahlen. Auch die Freiwilligen bekommen für ihre Arbeit etwas mehr als 100 Euro, ausgezahlt als Übungsleiterpauschale. Zum anderen finanziert sich das gemeinnützige Unternehmen durch Spender, die auf der Webseite aufgelistet sind. Auf 250 Freiwillige kann Spreuweizen mittlerweile zurückgreifen, fast jeden Tag leitet einer dieser Ehrenamtlichen einen Kurs an einer deutschen Schule. 350 mehrstündige Workshops waren es 2025. „Wir sind stolz darauf, dass wir es mit unserem Konzept aus Dresden auch in viele andere Bundesländer geschafft haben“, sagt der Gründer. Oft sei es bei politischer Bildung so, dass etwa Initiativen aus Berlin oder anderen Großstädten nach und nach auch in den ländlichen Raum in Ostdeutschland vorrücken. „Wir haben den Weg andersrum genommen“, so der gebürtige Görlitzer.
Daran zeige sich auch, dass manche gesellschaftlichen Debatten zunächst in Ostdeutschland geführt würden und einige Jahre später dann auch in Westdeutschland ankämen. „Nachrichtenkompetenz ist jetzt bundesweit ein großes Thema.“ Im Dezember gewann Spreuweizen den Deutschen Engagementpreis. „Das ist für uns eine tolle Bestätigung unserer Arbeit“, sagt der Gründer.
Medienkompetenz als Schulfach
Zu Beginn habe er die naive Idee gehabt: „Nach einem Kurs von uns sind die Schüler so begeistert von den Möglichkeiten des Journalismus, dass die Hälfte der Klasse sich danach eine Tageszeitung kauft.“ Der Zahn sei ihm schnell gezogen worden. „Wir können zufrieden sein, wenn die Schüler danach wissen, dass es die Tagesschau oder andere vertrauenswürdige Quellen auch auf TikTok gibt und man denen dort folgen kann.“
Thüringen hat im vergangenen Schuljahr das Fach Medienbildung an allen Schulen eingeführt. Der Sozialverband Deutschland forderte ein solches Schulfach bundesweit. Tom Waurig ist unentschlossen, ob er sich dieser Forderung anschließen will. „Es kann auch nicht für alle wichtigen Themen immer ein neues Schulfach gefordert werden, dann überlasten wir die Schulen auch.“ Er erinnert an zuletzt diskutierte Forderungen, etwa Alltagskompetenz oder mentale Gesundheit als Schulfächer einzuführen.
Das Gymnasium Pieschen wiederum ist diesen Weg schon gegangen. Für Klassenlehrerin Michelle Helbig ist das der Grund, warum sich ihre Schüler im Workshop so gut geschlagen haben. Das Lob, wie fit ihre Schüler sind, hört sie von Linda und Janine gerne. „Unsere Schule hat einen Schwerpunkt auf Medienkompetenz“, sagt sie. Schon in der 5. und 6. Klasse gibt es dafür eine extra Unterrichtsstunde für die Schüler, ab der 8. Klasse gibt es für jeden Schüler ein Tablet. Dann wird mit Ebooks statt Büchern gelernt.
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